Hintergebirgsmarathon Reichraming (15.8.2013)

Da bin ich wieder. Nachdem ich die letzten Wochen ein wenig mehr Zeit auf dem Fahrrad verbracht hatte, fühlte ich mich bereits wieder stark genug, um mich mit anderen ambitionierten Radfahrern zu matchen. So meldete ich mich übermütig zur lustigen Forststraßenwetzerei zu Reichraming im grausamen Hintergebirge unweit von Steyr an. 50km und 1400hm standen am Programm, aus Erfahrung fahrtechnisch einfach und noch viel wichtiger: ohne lange steile Berge, einfach eine Strecke für dicke Schenkerl.

Rechtzeitig zum Renntag brachte ich noch mich und auch mein Fahrrad in Form. Ganz demütig hoffte ich, dass der erst am Vortag frisch aufgezogene und mit endlos viel Latexmilch befüllte Hinterreifen auch hält. Gleich vorweg, das Rad war brav und hielt. Zur größeren Überraschung hielt auch der Fahrer, er hielt sich bis ins Ziel auf dem Rad, ganz ohne Jammern und verzweifelte Ausreden.

Der Start war etwas überraschend. Untypisch für Reichraming ging es gleich mal mächtig bergauf, damit hatte ich natürlich nicht gerechnet. Früher gab es da immer eine stundenlange neutralisierte Phase, die meist das Feld bereits von übermotivierten Fahrern infolge von Sturz oder Defekt in der unausweichlichen Drängelei befreite. Jetzt wurde das Feld gleich durch die Schwerkraft von allen übergewichtigen Fahrern befreit, da diese ersten Höhenmeter durchaus knackig waren. Ich wuchtete mich dynamisch an vielen Mitstreitern vorbei bis ein erster Singletrail dem Überholen ein Ende setzte.

Der Weg setzt allerdings mehreren Dingen ein Ende, zu allererst dem Bergauffahren, den nun ging es geschupft bis leicht bergab dahin. Fahrtechnisch weniger talentierte kämpften mit rutschigen Wurzeln und Steinchen und mussten des öfteren auch mal den Fuss Richtung Boden setzen. Das wurde von hinten mit tosendem Applaus kommentiert. Denn nun hatten bereits die Abfahrtskönige aufgeschlossen und die standen im Stau. Das können die übergewichtigen Abfahrtskaiser nämlich überhaupt nicht leiden, wenn sie irgendwie das Bergauftreten überlebt haben, endlich im Geschwindigkeitsrausch sind und dann menschliche Hindernisse ein Weiterkommen unmöglich machen. Irgendwie ging dann dieser Pfad und die Blockade durch Radwanderer auch zu Ende, endlich konnten die Reifen diese berühmten rutschigen Hintergebirgsschotterabfahrten aufs Profil nehmen.

Für mich hieß es nun, schnell zu den größeren Gruppen nach vorne zu fahren, denn Windschatten ist eines der Merkmale von Reichraming. Immer wieder konnte ich von einer Kleinstgruppe zur nächsten Kleinstgruppe springen, zwischendurch verschmauste ich nach weniger als einer halben Stunde Fahrzeit bereits den ersten Energieriegel. Immerhin war es nun kurz vor 10, Zeit für ein Gabelfrühstück. Die Anstiege wurden nun ein wenig länger, die Gesichter ein wenig bekannter, aber sicher nicht entspannter. Herr Urban und Frau UBS waren erreicht, ganz so schlecht konnte das ja nicht sein.

Die Anstiege gingen jetzt schon in Richtung mehrerer hundert Höhenmeter und die Halbzeitlabe mit der Topbetreuerin Edith nahte. Kurz davor gab es noch die erste längere Abfahrt, die mit viel losem Geröll und engen Kurven gespickt war. Meine Gruppe, zwei Herren bewunderten nun schon etwas länger mein Hinterrad, fuhr zügig aber frei von Risiko die Abfahrten, trotzdem sammelten wir noch ein paar Fahrer ein.

Die Halbzeitlabe mit Edith befand sich am Fuße des längsten Anstiegs. 400 Höhenmeter warteten nun, so inhalierte ich noch schnell eine Banane vulgo Affenkipferl und nahm dankend meine zweite Trinkflasche von Edith entgegen. Der Anstieg bestand aus grobem Schotter und war gleich einmal unsympathisch steil. Ich stand nun vor der Entscheidung entweder wie ein Held auf dem mittleren Kettenblatt das Material und meine Knie zu knechten oder doch den Rettungsanker zur Hilfe zu nehmen. Aus psychoterroristischen Gründen entschied ich mich für die Heldenvariante, doch meine zwei Hinterradlutscher verbissen sich regelrecht an meinem Hinterrad. Nach mehr als der Hälfte des Anstiegs wurde es endlich ein wenig flacher und das Kurbeln wurde wieder ein wenig dynamischer. Jetzt wollte ich die beiden Herren auch nicht mehr zerlegen, sollten sie mich doch in den Flachpassagen zurück Richtung Reichraming unterstützen. Die Herren waren aber plötzlich am Ende ihrer Kräfte, so entfernte ich mich locker nach vorne und fuhr ziemlich einsam über den Gipfel des Anstiegs, beklatscht von zahlreichen Zuschauern, die sich dort eingefunden hatten.

Nun zog ich bergab, dem Ennstal entgegen und hoffte, ein paar Mitstreiter einzuholen, um nicht ganz allein im Flachen gegen den Wind zu kämpfen. Doch zu meiner Überraschung befand sich plötzlich eine riesige Meute an meinem Hinterrad. Es quietschte sich nun eine gut 10 Fahrer starke Meute hinunter durch die rutschigen Kurven. Dann die nächste Überraschung. Als es eben wurde, gaben die Herrschaften Vollgas. Kein taktisches Verstecken im Windschatten, wie sonst immer üblich. Mit viel Euphorie krachten wir durch die Naturtunnels an der Enns entlang bis uns ein Zwischenanstieg wieder etwas den Schwung nahm. Dort holten wir sogar zwei Fahrer ein, als bergan das Tempo immer höher wurde.

Nach diesen knapp hundert Höhenmetern waren wir nur mehr zu sechst. Und wieder ging es sehr flott dahin, sodass ich mich schon ein wenig quälen musste, um in der Gruppe zu bleiben. Nochmals ging es von der Enns weg, ein klein wenig bergauf. Einer von den starken Jungen attackierte, ich schloss die Lücke und rollte hinter ihm her. Als ich mich nach der nächsten technischen Passage umdrehte, waren wir nur mehr zu dritt, der Junge, ein Tscheche, der erst kurz zuvor eingeholt worden war und ich. So schnell kanns gehen!

Die Strecke war nun völlig neu für mich. Es sollte eigentlich noch ein paar Kilometer bis ins Ziel sein. Doch plötzlich waren wir an der Ortstafel von Reichraming. Meine zwei neuen Begleiter begannen sofort zu sprinten, ich streckte die Patschen, winkte ins Publikum, gab noch ein paar Autogramme, ließ mich mit Groupies fotografieren und rollte dann umjubelt und zufrieden ins Ziel als 10ter meiner Klasse. Und da stand es nun vor mir, das berühmte Reichraminger Kuchenbuffet, einfach unwiderstehlich! Da bekommen sogar Helden wie ich weiche Knie…

Dieser Beitrag wurde unter Rennen abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort